
Erfolgsfaktoren für Handelssysteme
Kein Handelssystem der Welt ist in der Lage, Kursverläufe vorherzusagen. Ein gutes und vor allem komfortabel in die IT-Infrastruktur integriertes Handelssystem jedoch trägt maßgeblich zum Erfolg der Handelsabteilungen von Finanzinstituten bei. Wer sich für die Auswahl eines neuen Handelssystems entscheidet, steht vor einer großen Herausforderung und sollte mit gesunder Vorsicht und den entsprechenden Vorkenntnissen in dieses komplexe Projekt einsteigen.
Kompakt
- Ein neues Handelssystem sollte einerseits einfach in die aktuelle Systemlandschaft integrierbar sein und die derzeitigen Geschäftsprozesse abbilden können, andererseits aber auch künftigen Innovationen des Finanzmarktes Rechnung tragen.
- Gerade ein Handelssystem als Realtime-Lösung muss so ausgelegt sein, dass es unter Spitzenbelastungen immer noch die notwendige Performance bietet und Störungen durch entsprechende Redundanzen abfedern kann.
- In einem zuverlässigen System werden Sicherheitsaspekte bereits von Anfang an berücksichtigt. Die Software muss so ausgelegt sein, dass interne oder externe Manipulationsmöglichkeiten ausgeschlossen sind.
Komplett
Auch kleinere Institute, für die Investment Banking und Eigenhandel nicht zum täglichen Geschäft gehören, die aber dennoch ihren Handel nach den MAH-Regularien betreiben, stehen vor der Herausforderung der Einbindung von komplexeren Realtime-Systemen und eines transparenten Risikomanagements. Der Wechsel eines Handelssystems ist nicht nur ein Upgrade auf das neueste Produkt von Herstellern, die man aus jahrelanger Zusammenarbeit kennt und schätzt. Das neue System muss vielmehr in eine oftmals historisch gewachsene heterogene Systemlandschaft unterschiedlicher Hersteller eingebettet werden.
Gleichzeitig muss das System, wenn es sich um eine Standardlösung handelt, eine hohe Flexibilität hinsichtlich Konfigurationsmöglichkeit und Skalierbarkeit besitzen, damit die unterschiedlichen Anforderungen der Kunden optimal abgebildet werden können. Ziel ist es, einen nahtlosen Wechsel zu gewährleisten. Deshalb ist das A und O vor der Auswahl eines neuen Handelssystems die Analyse der bestehenden Bedingungen sowie die genaue Klärung der zukünftigen Anforderungen an die neue Systemlösung.
Bei der Auswahl des perfekten Handelssystems bewegt sich ein Institut heutzutage zwischen vier Extremen. Das erste Gegensatzpaar lautet "Best of Breed" gegenüber "Integrated Platform". Ist es also einfacher, ein hoch spezialisiertes Produkt in eine vorhandene Systemlandschaft einzupassen? Oder ist es Erfolg versprechender, eine einheitliche Softwarelösung zu verwenden, die Front- und Backoffice noch nahtloser verbinden kann? Grundsätzlich handelt es sich hier um ein hochkomplexes Produkt, das innerhalb einer einheitlichen Lösung ein Maximum an Möglichkeiten bieten muss und dessen Konfiguration und Integration entsprechend aufwändig ist.
Die anderen beiden Extreme heißen "Buy" und "Build". Ist es im Einzelfall wirtschaftlicher, eine ebenso leistungsfähige wie teure Systemsoftware anzuschaffen, zu konfigurieren und im laufenden Betrieb regelmäßig zu warten? Oder macht es mehr Sinn, für spezielle Funktionen, die sich nur schwer in gängiger Software darstellen lassen, eine eigene Lösung zu erarbeiten? Hier gilt es zu bedenken, dass Time-to-Market ein enorm wichtiger Wettbewerbsvorteil ist, ein Individual-System zwar schön und wünschenswert wäre, aber aus Kosten- und Zeitgründen sicherlich nicht zu den favorisierbaren Lösungen zählt.
Um eine Orientierungshilfe für eine Entscheidung von solch zentraler, strategischer Bedeutung wie der Wahl eines elektronischen Handelssystems zu geben, sind im Folgenden einige zentrale Fragen in Form einer Checkliste zusammengefasst, die bei der Entscheidungsfindung helfen sollen – ganz gleich, ob es sich nun um die Handelsabteilung in einem international ausgerichteten Institut oder in einer kleinen Kreissparkasse handelt.
Checkliste
- Gibt es eine schlüsselfertige Lösung? Die Wahl eines Systems, das Ihren individuellen Abläufen weitestgehend entgegen kommt, spart Zeit und Nerven. Den Arbeitsaufwand, eine komplexe Software zu konfigurieren, die auch die Geschäftsprozesse abbilden kann, sollten Sie dagegen nicht unterschätzen. Ist diese nicht von vornherein für einen Einsatz konzipiert, der dem größten Teil der Anforderungen in Ihrem Unternehmen genügt, so resultiert dies in einem beträchtlichen Mehraufwand.
- Wie passt das gewählte System in die Zielarchitektur? Um unangenehme Überraschungen auszuschließen, ist eine Bestandsaufnahme und Analyse aller Schnittstellen notwendig sowie die Spezifikation des Änderungsbedarfs und die Kalkulation des entsprechenden Aufwandes. Nahezu alle Abläufe im heutigen Bankwesen sind IT-gestützt. Das Handelssystem muss nicht nur in den Zahlungsverkehr, das Clearing, das Berichtswesen oder die interne Revision integrierbar sein, sondern viele dieser Bereiche sind zudem nach außen vernetzt und nach völlig eigenen Kriterien konzipiert.
- Ist die Software modular aufgebaut und entsprechend einfach skalierbar? Früher oder später werden Sie neue Handelsprodukte einführen oder eine Funktionalität benötigen, von der Sie heute noch gar nichts wissen. Bereiten Sie sich jetzt schon darauf vor. Der Sinn von modularer Programmierung ist es, auch größere Veränderungen so einfach wie irgend möglich zu machen. Im Idealfall kann Ihre Softwarearchitektur mit Ihren Handelsaktivitäten nahezu unbegrenzt mitwachsen.
- Ist die zugrunde liegende Technologie innovativ und zukunftsfähig? Wenn Sie sich für eine Software entscheiden, ist auch die zukünftige Kaufentscheidung anderer Kunden immer ein wichtiger Aspekt. Finden Sie sich nach wenigen Jahren mit einer Lösung wieder, die außer Ihnen niemand mehr verwendet, kann eine Vielzahl von Problemen auftreten. Ist die gewählte Technik zukunftsfähig, werden hingegen mit der Anzahl der Kunden auch zukünftige Weiterentwicklungen immer profitabler und damit wahrscheinlicher.
- Sind alle wichtigen Schnittstellen vorhanden? Wesentlich sind die Schnittstellen zu Ordersystemen (XETRA, EUREX, FX Trader,…), für den Zahlungsverkehr (zum Beispiel S.W.I.F.T, RTGS+, TARGET) sowie für die Marktdaten- und Gattungsdatenversorgung, wobei professionelle Finanzberatungsfirmen auf namhafte Partner zurückgreifen (weitere Beispiele: WM, Telekurs und andere).
Wenn sichergestellt ist, dass ein bestimmtes System passend ist und genügend Raum für historisch bedingte Eigenheiten sowie für zukünftige Erweiterungen bietet, dann ist eine wichtige Hürde bereits überwunden und die Funktionalität im Normalbetrieb scheint gewährleistet. Gerade ein Handelssystem als Realtime-Lösung muss so ausgelegt sein, dass es unter Spitzenbelastungen immer noch die notwendige Performance bietet und Störungen durch entsprechende Redundanzen abfedern kann. Ein vorausschauendes Management wird entsprechende Szenarien aufzeigen und in einer Kosten-/Nutzenanalyse den Sicherheits- und Performancelevel festlegen. Die umfassende Vernetzung im heutigen Wirtschaftsleben kann oftmals den hauseigenen Systemen einen unvorhergesehenen Stresstest bescheren. Um Spitzenbelastungen und eventuelle technische Störungen problemlos zu verdauen, ist höchste Leistung gefragt.
Leistung ist nicht allein eine Eigenschaft der Hardware. Auch die Softwarearchitektur muss von vornherein so ausgelegt sein, dass Spitzenbelastungen und externe technische Störungen die Geschäftstätigkeit nicht wesentlich behindern. Die wichtigsten Kriterien für die Robustheit eines Systems sind:
- Verfügbarkeit: Das beste Argument ist und bleibt eine problemlose Performance in der Praxis. Ein System, das bekanntermaßen fehlertolerant ist und von einem weiten Kundenspektrum ohne Ausfälle genutzt wurde, hat auch Ihr Vertrauen verdient. In der Praxis wird so ein System über eine funktionale Softwarearchitektur verfügen. Kritische Bereiche wie die Versorgung mit Marktdaten und das Orderrouting sind redundant angelegt. Selbstverständlich müssen Mechanismen existieren, die mögliche Spannungsschwankungen im Stromnetz ausgleichen können.
- Sicherheit: Die gesamte Softwarearchitektur sollte auf dem Prinzip basieren, Missbrauch nicht weitgehend, sondern vollständig auszuschließen. Wenn es in Ihrem System irgendwo eine Sicherheitslücke gibt, die ein Außenstehender nutzen kann, dann wird sie früher oder später auch jemand finden. In einem zuverlässigen System wurde der Sicherheitsgedanke bereits von Anfang an berücksichtigt. Die Software muss so ausgelegt sein, dass interne oder externe Manipulationsmöglichkeiten ausgeschlossen sind.
- Systemkapazität: Sowohl die Software, als auch die Hardware sollten in ihrer Kapazität immer für die maximal denkbaren Anforderungen konzipiert und für wachsende Anforderungen entsprechend skalierbar sein. Denn eines Tages wird womöglich der Fall eintreten, dass alle Ihre Mitarbeiter versuchen, zum selben Zeitpunkt auf die gleiche Applikation zuzugreifen.
- Belastbarkeit bei großen Volumina: Ausnahmesituationen können vorkommen. Während die maximale Anzahl der Mitarbeiter, die versuchen können gleichzeitig auf das System zuzugreifen, jederzeit klar ist, gilt das nicht für die Handelsvolumina. Sich hier mit Erfahrungswerten aus dem alltäglichen Betrieb zufrieden zu geben, ist bei Weitem nicht ausreichend.
- Dokumentiertes Datenmodell: Im Notfall können fehlerhafte und zweifelhafte Daten gezielt überprüft und berichtigt werden. Denn nicht alle eingegebenen Daten sind gleich zuverlässig. In einem dokumentierten Datenmodell besteht die Möglichkeit, alle Einträge bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen.
Jetzt sind wir einen bedeutenden Schritt weiter gekommen. Wir haben das System unserer Wahl geprüft und wir wissen jetzt, dass es auch funktionieren wird, wenn es funktionieren soll. Aber auch das komplexeste System ist nur ein Werkzeug, das auf einen kompetenten Nutzer angewiesen ist.
Gerade im Handelsumfeld, in dem hektische Situationen an der Tagesordnung sind, ist es unerlässlich, dass sich eine Systemlösung durch eine einfache komfortable Bedienung auszeichnet.
Ergonomie und Benutzerfreundlichkeit sind neben Leistungsfähigkeit und Sicherheit Hauptkriterien für die Auswahl eines Handelssystems. Die wesentlichen Aspekte dabei sind:
- intuitive Benutzerführung und Konfigurierbarkeit
- umfassende, aktuelle und verständliche Hilfedokumentation
- einfaches Hinzufügen und Konfiguration neuer auch komplexerer Handelsprodukte
- einfaches umfassendes Reporting mit der Möglichkeit zur schnellen und sicheren Erstellung individueller Berichte mit eigenen Algorithmen
Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass ein Handelssystem nicht eine einmalige Anschaffung ohne Folgekosten ist. Im Normalfall unterstützt der Hersteller das Finanzinstitut nicht nur bei der Auswahl und der Integration des elektronischen Handelssystems, sondern bietet ihm auch langfristig Unterstützung durch Wartung, Service und eine transparente Release Planung. Worauf Sie dabei achten sollten, sind in erster Linie eine kompetente deutschsprachige Hotline, ein breites Produktspektrum, ein kosteneffizienter Service sowie ein nicht zu häufiger aber dennoch schlanker und effektiver Prozess beim Systemupgrade. Joachim Schöler




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