
Emerging Markets – Chancen in der zweiten Reihe
Die asiatischen Volkswirtschaften hängen noch immer zu einem guten Teil von der US-Wirtschaft und der globalen Konjunktur ab – von einer generellen Abkopplung kann noch keine Rede sein. Vor dem Hintergrund einer drohenden US-Rezession kann deshalb der Blick auf die zweite Reihe der wirtschaftlich aufstrebenden Länder lohnen.
Kompakt
- Die aufstrebenden Länder Asiens unterstützen zwar den langfristigen globalen Wachstumstrend, können ihm aber noch nicht alleine eine Richtung geben.
- Insbesondere diese Länder und die großen Rohstoffexporteure in Südamerika könnten deshalb von einer US-Rezession besonders betroffen sein.
- Insgesamt bieten die Aktienbörsen der Emerging Markets weiterhin gute langfristige Gewinnperspektiven. Derzeit lohnt jedoch insbesondere der Blick auf die zweite Reihe dieser Länder.
Komplett
"Der Aufschwung in China und bei seinen Nachbarn trägt sich mittlerweile selbst" – so eine weit verbreitete These. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung in dieser Region habe mittlerweile so deutliche Zuwächse bei den Einkommen geschaffen, dass alleine die Binnennachfrage für stetiges Wachstum sorge.
Dies stimmt unserer Meinung nach nur bedingt und nur für einige Märkte. Die Schwellenländer insgesamt haben sich mit ihrer eigenen Wirtschaftsdynamik keineswegs schon vom Welttrend abgekoppelt. Sie reagieren darauf und unterstützen den langfristigen Wachstumstrend, können ihm aber noch nicht alleine eine Richtung geben.
Die meisten Schwellenländer sind und bleiben noch eine ganze Weile von Exportwachstum abhängig. In China etwa ist der Export im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahrzehnt ständig gestiegen und damit immer wichtiger geworden. Kommt eine US-Rezession, würde das chinesische Wachstum ernsthaft unter Druck setzen. Und dieses Szenario ist zurzeit durchaus denkbar. Sollte die US-Immobilienkrise länger andauern, könnte die Binnennachfrage in den USA nachlassen, das US-Wachstum zurückgehen, eine Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums drohen und damit auch Asiens Wirtschaftsgeschehen deutlich abkühlen.
Das wiederum würde eine andere Gruppe der Emerging Markets treffen. Die Wirtschaftsentwicklung vieler Schwellenländer wie etwa Brasilien hat in den vergangenen Jahren infolge der hohen asiatischen Nachfrage von den steigenden Rohstoffpreise profitiert. Bereits jetzt haben die Experten von ABN Amro die Wachstumsaussichten für Asien um einen Prozentpunkt nach unten korrigiert, denn die Auswirkungen der US-Immobilienkrise werden in jedem Falle zu spüren sein. Kühlen die asiatischen Volkswirtschaften jedoch ab, kann dies die Rohstoffpreise drücken und damit auch die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Rohstofflieferanten.
Diese Unsicherheit könnte zu einer länger anhaltende Nervosität an den Aktienbörsen der Emerging Markets und letztlich zu hohen Kapitalabflüssen führen. Deshalb ist es wichtig, Investitionen in die Emerging Markets möglichst breit zu streuen. Wer sich nur auf Länder wie China oder Rohstoffexporteure wie Brasilien und Russland konzentriert, geht ein erhebliches Risiko ein.
Chancen in der zweiten Reihe
Gerade einige Schwellenländer aus der zweiten Reihe könnten die Auswirkungen der Krise gut abfedern. Deshalb kann es lohnen, einen genaueren Blick auf solche etwas weniger risikoreichen Länder zu werfen.
Voraussetzung ist, dass deren Wirtschaftswachstum nicht nur von der Exportwirtschaft und den Rohstoffmärkten getrieben wird. Dabei sollten vor allem Faktoren wie Binnennachfrage und Entwicklung der Infrastruktur beachtet werden. Gerade die Infrastruktur-Investitionen sind entscheidend für die künftige Entwicklung der Märkte, weil sie nicht nur kurzfristig, sondern auch auf lange Sicht das Wirtschaftswachstum antreiben.
Ein weiteres wichtiges Erfolgskriterium sind gute Rahmenbedingungen für ausländische Investoren. Dazu gehören neben der Wechselkursstabilität auch eine solide Wirtschaftspolitik und ein gut ausbalanciertes Kreditrisiko. Interessant sind im Moment vor allem Märkte, in denen Investitionen in die Infrastruktur nicht nur aus Rohstoff-Exporten finanziert werden, da sonst die Abhängigkeit von den Rohstoffmärkten zu stark wäre.
Zu den Schwellenländern, die diese Kriterien erfüllen, gehören Mexiko, Malaysia und Indien. Indien zählt in der derzeitigen Situation zwar zu den riskanteren Märkten. Es scheint dabei aber weniger gefährdet als die meisten anderen asiatischen Länder. Für Indien sprechen die starke heimische Nachfrage und der wachsende Exportsektor. Der steigende Exportanteil erhöht jedoch auch die Abhängigkeit von der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Der anhaltende Inflationsdruck ist ebenfalls ein Risikofaktor. Die Gewinnaussichten für indische Unternehmen sind günstig, aber zu einem großen Teil schon in die vergleichsweise hohen Aktienbewertungen enthalten. Wenn sich nur wenige Länder einer scharfen Verlangsamung des Wachstums entziehen könnten, wäre Indien möglicherweise eines davon.
Noch besser sind die Wachstumsaussichten für Malaysia. Die Asienkrise 1997 und der globale Einbruch der IT-Industrie zu Beginn des Jahrzehnts hatten Malaysia besonders schwer gebeutelt. Doch inzwischen locken die gute Infrastruktur und relativ günstige Kosten wieder Investoren ins Land. Dieser Trend wird von einer zunehmenden Öffnung für ausländisches Kapital unterstützt. Zudem gehört Malaysia zu den politisch stabilsten Ländern in Südostasien. Wichtigster Konjunkturmotor für Malaysia dürfte das neue staatliche Investitionsprogramm werden. Der Staat will in den kommenden Jahren neun Prozent des Bruttosozialproduktes in Infrastruktur stecken. Dies sollte das Wirtschaftswachstum antreiben, selbst wenn die Weltwirtschaft an Fahrt verliert.
Ähnliches gilt für Mexiko: Auch hier ist das staatliche Infrastrukturprogramm der größte Pluspunkt für die Wirtschaft. In den kommenden fünf Jahren sollen Fördermittel in Höhe von 225 Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden. Für Mexiko spricht zudem die gute Mischung zwischen Schwellenland und etablierter Wirtschaft. Als einer der größten Erdölexporteure der Welt profitiert Mexiko vom gestiegenen Ölpreis. Gute Investitionsmöglichkeiten bietet vor allem die Autozulieferindustrie, da Mexiko von den US-Herstellern als Produktionsstandort ausgebaut wird. Ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor ist zudem das Geld, das Mexikaner, die in den USA arbeiten, in ihre Heimat schicken. Diese Transferleistungen belaufen sich auf 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr, was zum Beispiel den Immobilienmarkt weiter ankurbeln könnte.
Mexiko, Malaysia und Indien sind nur einige der Märkte, die von den Schwellenländer-Experten von ABN Amro intensiv beobachtet werden. Angesichts der vorherrschenden Unsicherheiten empfiehlt es sich für Investoren in jedem Fall, Investitionen in die Emerging Markets möglichst breit zu streuen und dabei die Schwellenländer aus der zweiten Reihe stärker zu berücksichtigen. Sie bieten ähnliche Wachstumsaussichten, weisen aber wegen ihrer geringeren Abhängigkeit vom Export und von Rohstoffmärkten ein etwas geringeres Risiko auf. Mit diesem Fokus können Investoren von den weiterhin sehr starken Aussichten der Schwellenländer profitieren und trotzdem die in diesen Märkten enthaltenen Risiken breiter streuen. Hans-Jürgen Schäfer
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