
Basel II – Die Folgen eines US-Alleingangs
Aus heutiger Sicht erscheint es ironisch: Gerade die USA, die die neuen Basel II-Richtlinien vor Jahren selbst angeregt hatten, gehören inzwischen zu den größten Umsetzungsbremsern. Im ungünstigsten Fall könnten sich die Amerikaner sogar ganz von dem Regelwerk verabschieden. Dies hätte für die deutsche Kreditwirtschaft erhebliche Konsequenzen. Es drohen Mehrkosten und Wettbewerbsnachteile.
Kompakt
- Mit den Diskussionen um Basel II in den USA kommt die Umsetzung auch anderswo ins Stocken – zum Beispiel in Asien.
- Sollten sich die USA von BAEL II verabschieden, müssen Banken unterschiedliche Berichtssysteme vorhalten. Das ist teuer.
- Ein Kompromissvorschlag sieht vor, nur international tätige Banken für Basel II zu verpflichten.
Komplett
Sollten sich tatsächlich zwei unterschiedliche Systeme in Europa und den USA etablieren, werden darunter vor allem die großen, international agierenden europäischen Kreditinstitute leiden. Sie müssten ihre Geschäftspraxis und ihre Berichterstattung jeweils an zwei unterschiedlichen Systemen ausrichten – was erhebliche Mehrkosten mit sich bringt. Zusätzlich stellt sich die Frage der Behandlung von Tochterbanken deutscher Kreditinstitute in den USA sowie von US-Töchtern in Deutschland. Kleinere deutsche Institute, die hauptsächlich regional tätig sind, werden dagegen kaum betroffen sein.
Nachteile ergeben sich aber auch für Bankkunden, denn mit Basel II soll nicht nur das Kreditrisiko für die Banken, sondern auch für die Kredit nehmenden Unternehmen künftig besser einschätzbar werden. Auch auf die Integration des internationalen Finanzsystems hätte ein amerikanischer Alleingang negative Auswirkungen. Bereits jetzt ist die Umsetzung von Basel II in Asien angesichts der jüngsten Diskussionen ins Stocken geraten. Sollte das US-Beispiel Schule machen, ist mit einer Zunahme der einseitigen nationalen Sonderregeln, protektionistischen Maßnahmen und noch komplizierteren aufsichtsrechtlichen Regelungen zu rechnen.
Ob tatsächlich Wettbewerbsnachteile entstehen und wie stark diese ausfallen werden, ist derzeit nur schwer absehbar. Eines ist zumindest klar: Nach der Verlängerung der Konsultationsfrist für Einwande gegen die neuen Vorschriften bis zum 26 März wird die Einführung von Basel II in den USA wahrscheinlich bis zum Jahr 2009 verzögert. Zuvor war Einführung für 2008 geplant gewesen. Allein dadurch werden für deutschen Banken, die in den USA aktiv sind, Mehrkosten entstehen.
Doch das ist nur das günstigste Szenario. Derzeit ist noch nicht sicher, ob und in welchem Umfang die neuen Risikovorsorgeregeln tatsächlich in den USA eingeführt werden. Sowohl kleinere als auch größere Banken in den USA machen Front gegen die Vorschriften. Einige Kreditinstitute wollen Basel II auf höchstem Niveau übernehmen, andere fordern Wahlmöglichkeiten. Wieder andere lehnen das neue Regelwerk rundheraus ab. Darüber hinaus sind vier unterschiedliche Aufsichtsbehörden zuständig sind, die die zum Teil voneinander abweichende Auffassungen vertreten.
Diskutiert werden derzeit vier Optionen. Neben einer Einführung der internationalen Version von Basel II ist eine US-Variante von Basel II im Gespräch, bei der die vermeintlichen Vorteile für Großbanken durch eine stärkere Absicherung mit Deckungskapital begrenzt werden sollen. Weitere Alternativen sind eine abgespeckte Basel Ia-Richtlinie und der Verbleib bei den aktuellen Basel I-Anforderungen. Angedacht ist auch eine Kompromisslösung, bei der nur die 20 größten amerikanischen Banken auf eine Basel-II Variante umstellen sollen. Die mehr als 8.000 kleineren Banken sollen dagegen entweder die vereinfachte Version (Basel Ia) wählen oder bei Basel I bleiben können.
Merkliche Nachteile dürften aber nur entstehen, wenn sich die USA tatsächlich komplett von Basel II verabschieden würde. Doch dieses Risiko gilt unter Experten als gering. "Der Worst Case eines vollständigen Scheiterns von Basel II ist aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich", sagte Bundesbank-Vorstand Edgar Meister vor dem Finanzausschuss des deutschen Bundestages im Januar. Denkbar sei jedoch, dass die neuen Risikoabsicherungs-Regeln nicht flächendeckend, sondern nur für die internationale tätigen Großbanken eingeführt würden. In diesem Fall dürften die Wettbewerbsnachteile für deutsche Banken aber gering ausfallen, denn rund 95 Prozent des internationalen Geschäftsvolumens entfällt auf die zehn bis zwölf größten Banken in den USA.
Zudem müssen amerikanische Großbanken, die in Europa arbeiten wollen, wohl oder übel den europäischen Kapitalanforderungen oder einem Äquivalent entsprechen. Auf dieser Ebene sind deshalb europäische und amerikanische Richtlinien nur schwer zu trennen. Die Regelungen zu den kleineren US-Instituten dürften dagegen kaum ins Gewicht fallen, denn europäische wie amerikanische Großbanken konkurrieren nur bedingt um den gleichen Kundenstamm wie eine regionale, beispielsweise im mittleren Westen der USA tätige Bank. Steffen Christ




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