
Aufwandsquote "CIR" – Keine Aussage über die Ertragskraft
Ein Gespenst geht um in Deutschlands Banken, sein Name: niedrige Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich. Zumindest, wenn man den gängigen Publikationen glaubt. Seit Jahren wird unisono behauptet, es stehe schlecht um die deutsche Bankwirtschaft. Als Beleg für diese These werden scheinbar objektive Kennziffern wie die CIR, die Cost-Income-Ratio, angeführt.
Kompakt
- Die beliebte Kenzahl "IR" (Verhältnis vom Aufwand zum Ertrag) lässt deutsche Banken im internationalen Vergleich schwach aussehen – regelmäßig landen sie auf den unteren Rängen.
- Eine wesentliche Komponente der CIR ist die Zinsmarge. Diese ist in Deutschland vergleichsweise niedrig und lässt die CIR höher ausfallen als in anderen Ländern.
- Bereinigt um die Zinsmarge verbessert sich die Position der deutschen Banken im internationalen Vergleich. Das belegt eine hohe Effizienz der Institute.
Komplett
Auch die CIR kann dazu verleiten, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das belegt eine Untersuchung des ProcessLab der HfB – Business School of Finance & Management. Denn tatsächlich brauchen sich die deutschen Banken im europäischen Wettbewerb keineswegs zu verstecken …
"Benchmarking" lautet der neudeutsche Begriff für das Bemühen, die eigene Leistungsfähigkeit mit der des Wettbewerbs zu vergleichen. Den Anstoß dazu liefert weniger wissenschaftliches Interesse als schiere wirtschaftliche Notwendigkeit. Denn auch wer selbst nicht vergleicht, wird trotzdem verglichen – auf jeden Fall von den Kunden. Leistungsvergleiche, ob intern oder von Beratungsunternehmen durchgeführt, sind nur dann aussagekräftig, wenn sie mit wissenschaftlicher Präzision durchgeführt werden. Dazu werden üblicherweise Kennziffern herangezogen.
Im Bankensektor hat sich besonders eine Kennziffer als Grundlage für Leistungsvergleiche etabliert: die CIR, die Cost-Income-Ratio. Sie setzt den Aufwand und den Ertrag eines Kreditinstituts ins Verhältnis.
Aus der CIR geht also hervor, welchen Aufwand ein Institut für einen Euro Ertrag in einem definierten Beobachtungszeitraum leisten musste. Mittlerweile findet sich die CIR in der Ergebnisberichterstattung aller Kreditinstitute, wenn auch teilweise unter anderen Bezeichnungen wie „Efficiency Ratio“. Auch die Bundesbank verwendet diese Kennziffer zur Beurteilung von Banken.
Dennoch bleibt die Frage offen, ob die CIR für spezifische Fragestellungen wirklich geeignet ist. In aktuellen Publikationen des ProcessLab der HfB, an die sich die folgenden Ausführungen anlehnen, wird die Aussagekraft der CIR diskutiert.
Die Abbildung illustriert die Berechnung der CIR anhand eines Zahlenbeispiels.
Der allgemeinen Argumentation zufolge steht eine hohe CIR für eine geringe Produktivität und schlechte Effizienz der Bank. Das Verhältnis zwischen einem eingenommenen Euro und dem dafür aufzuwendenden Betrag in Cent sagt etwas über die Rentabilität einer Bank im operativen Geschäft aus. Kann daraus aber auf eine geringe Produktivität geschlossen werden?
Demnach stünde es tatsächlich nicht gut um die deutschen Banken: Die Abbildung zeigt die durchschnittlichen CIR-Werte für verschiedene europäische Länder und Regionen, bezogen auf das Geschäftsjahr 2005. Europäische Kreditinstitute melden durchschnittlich eine CIR von 59,8 Prozent. Mit Werten von 51,1 und 52,6 Prozent nehmen griechische sowie spanische und portugiesische Institute die Spitzenpositionen ein, während die Schweiz (68,3 Prozent) und Institute der Benelux-Staaten (66,4 Prozent) die Schlusslichter bilden. Deutsche Banken liegen mit 65,1 Prozent ebenfalls in der Schlussgruppe. Lässt sich daraus nun folgern, dass die Banken in Griechenland am produktivsten sind, während ihre Kollegen in Deutschland erheblichen Verbesserungsbedarf haben?
Ungeachtet der Schlussfolgerung aus dem CIR-Vergleich sagt eine KfW-Studie des letzten Jahres aus, dass die deutschen Banken hoch produktiv sind – gemessen an der Erwerbstätigen- und Stundenproduktivität. Ebenso wird eine hohe Effizienz bescheinigt. In Anbetracht des harten nationalen Wettbewerbs wäre alles andere auch wenig einsichtig. Die viel zitierten „schrumpfenden Margen“ würden unterdurchschnittlich effiziente Institute in die Unrentabilität und damit vom Markt treiben.
Nun sollte man erwarten, dass die genannte Produktivität zu einer niedrigen CIR führt, sprich für einen Euro Ertrag sollte nur ein geringer Kostenaufwand vonnöten sein. Das ist in Deutschland aber nicht der Fall.
Denn dagegen steht der bereits erwähnte immense Wettbewerbsdruck. Er führt dazu, dass Einsparungen dank verbesserter Produktivität direkt in Form von niedrigen Preisen, Zinsen und Entgelten an die Kunden weitergegeben werden. Instituten im Ausland gestattet die Marktsituation dagegen weit öfter, Leistungen gegen Entgelt anzubieten und höhere Zinsen oder höhere Gebühren als in Deutschland zu berechnen. Die bessere CIR ergibt sich daraus, dass die Preise niedrige Produktivität überkompensieren.
Um die Bedeutung dieser Aussage zu illustrieren, wird mit der Zinsspanne eine Zahl genauer analysiert, die direkt in die CIR einfließt. Als Zinsspanne wird der Transformationsertrag eines Kreditinstituts bezeichnet, grob gesagt die Differenz zwischen den eingenommenen Sollzinsen aus dem Kreditgeschäft und den bezahlten Habenzinsen auf Kundeneinlagen. Diese Zinsspanne variiert ganz erheblich zwischen den europäischen Ländern.
Einer der Gründe dafür sind die unterschiedlichen Inflationsraten. Paradoxerweise "belohnen" hohe Inflationsraten – obwohl volkswirtschaftlich wenig geschätzt die Kreditinstitute eines Landes, indem sie höhere Kreditzinsen marktfähig machen. Denn je höher die Inflationsrate, umso geringer wird für den Kreditnehmer der real zurückzuzahlende Anteil der verlangten Kreditzinsen. In den Ländern mit hohen Zinsspannen gestattet der Wettbewerb aber im Verhältnis zu Deutschland niedrigere Haben-Zinsen.
Die unterschiedliche Wettbewerbssituation wird an folgenden Zahlen deutlich: Deutsche Banken mussten sich 2005 durchschnittlich mit einer Zinsspanne von 0,92 Prozent begnügen, während griechische Kreditinstitute durchschnittlich das 4,5-fache, also 4,12 Prozent einstrichen. Bei gleichen Geschäftsvolumina resultiert daraus ein 4,5-mal höherer Zinsüberschuss für die griechischen Banken – und eine entsprechend verbesserte CIR. Diese Verbesserung beruht jedoch eher auf einer "Verwässerung". Verwässert deswegen, weil die bessere CIR in diesem Fall einzig und alleine auf einen entspannteren nationalen Markt zurückgeht und in keiner Weise auf die Produktivität oder Effizienz.
Um zu illustrieren, wie stark sich die unterschiedlichen Zinsspannen auf die CIR auswirken, wurde für alle Länder eine durchschnittliche Zinsspanne in Höhe von 0,92 Prozent – wie in Deutschland 2005 – unterstellt.
Mit dieser Modellrechnung verändern sich die CIR-Werte für die einzelnen Länder signifikant: Jetzt belegen die skandinavischen Länder mit einer CIR von 62,3 Prozent den ersten Platz. Deutschland und Frankreich folgen mit knappem Abstand (65,1 bzw. 65,2 Prozent). Und die bisherigen Spitzenreiter, die griechischen Banken? Sie finden sich auf dem letzten Platz im CIR-Ranking wieder. Bei einer deutschen Zinsspanne betrüge ihre CIR 110,3 Prozent. Für jeden Euro Ertrag müssten die griechischen Banken demnach 1,10 Euro aufwenden.
Anders gesagt: Würde eine griechische Bank in den deutschen Markt expandieren, dann wäre sie unrentabel. Der Umkehrschluss gilt jedoch auch: Würden deutsche Banken im griechischen Markt agieren, dann wären sie höchst rentabel.
Es greift zu kurz, aus einer einfachen Verhältniszahl wie der CIR abschließende Aussagen über die Produktivität von Kreditinstituten abzuleiten. Tatsächlich ist die Analyse der Effizienz von Prozessen in Banken mit Hilfe ausgefeilter Modelle und Methoden seit Jahren ein wichtiges Thema in der wissenschaftlichen Forschung, bei dem noch viele Fragen offen sind.
Eine differenzierte Analyse von Stärken und Schwächen der deutschen Kreditinstitute muss die Prozesse als den Kern der operativen Tätigkeit begreifen. Die quantitative Beschreibung der Effizienz von Bankprozessen ist dafür eine zwingende Voraussetzung, denn ein Vergleich (neudeutsch: Benchmarking) von Prozessen in der Kreditwirtschaft erfordert objektive Maßstäbe auf Basis von korrekt ermittelten Kennzahlen. Hier besteht großer Handlungsbedarf, nicht nur für die deutschen Kreditinstitute.
Denn der Euro und die EU-Harmonisierung der aufsichtsrechtlichen Auflagen zeigen Wirkung: Die europäischen Zinsspannen konvergieren, der komfortable Ertragspuffer aus den hohen Zinsmargen wird sich langsam auflösen. Natürlich sind die deutschen Banken weiterhin angehalten, ihre Produktivität und Effizienz zu verbessern. Ihre aktuelle Position ist indessen – im Gegensatz zu den gängigen CIR-Auswertungen – eine gute Ausgangsbasis, um in den nächsten Jahren im europäischen Maßstab Bankfabriken mit vergleichsweise hoher Produktivität zu etablieren. Jochen Herrmann
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift
FIN.KOM, Ausgabe 1/07, der entory AG | Softlab Group




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